57 Millionen Euro ergaunert

Anklage gegen SMS-Betrüger

11. August 2009 | 13:50 Uhr | Von Eckard Gehm

Mit SMS-Flirts über teure Premium-Nummern haben Betrüger aus Flensburg und Kiel arglosen Kunden 57 Millionen Euro aus der Tasche gezogen. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Kiel Anklage erhoben.

Als die Ermittler im vergangenen Dezember die Räume der Flensburger Firma "MintNet" und des Kieler Unternehmens "Mobile Solutions" durchsuchten, wussten sie bereits, dass sie in ein Wespennest stechen würden. Sie rechneten mit einem Betrug in Höhe von 20 Millionen Euro.

Heute ist klar: Der Fall sprengt diese Dimension: Es geht um 216 Beschuldigte, eine Million Opfer aus ganz Deutschland und einen Vermögensschaden von 57 Millionen Euro.

Oberstaatsanwalt Uwe Wick: "Die Staatsanwaltschaft Kiel hat gegen zehn Betreiber der gebührenpflichtigen SMS-Flirts Anklage wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs erhoben." Vier von ihnen sitzen in Untersuchungshaft, darunter die "MintNet"-Gesellschafter Heiko A. und Dirk von W., ein ehemaliger Karatekämpfer, sowie "MintNet"-Geschäftsführer Norman W., aus dessen Garage Ermittler einen Aston Martin Vantage, den Dienstwagen von James Bond, beschlagnahmten.

Massenhaft Lock-E-Mails verschickt

Gegen weitere 206 Beschuldigte sind gesonderte Ermittlungsverfahren eingeleitet worden. Die Betrüger hatten beständig neue Firmen gegründet, teilweise mit Sitz in London oder Thailand. Als Geschäftsführer wurden dann auch schon mal Strohmänner wie "MintNet"-Hausmeister Rainer S. eingesetzt.

Die Anklagen werden in zwei Verfahren vor der Großen Wirtschaftsstrafkammer des Kieler Landgerichts verhandelt. "Der erste Prozess könnte schon Mitte September beginnen", sagte Susanne Bracker, die Sprecherin des Landgerichts.

Die Anklageschriften gegen die Hauptbeschuldigten umfassen jeweils 200 Seiten. Oberstaatsanwalt Wick: "Ihnen wird vorgeworfen, seit 2005 massenhaft Lock-Emails verschickt zu haben, in denen sie eine seriöse Vermittlung von Partnerschaften anboten."

Die vermeintlichen Flirtpartner waren Animateure

Die vermeintlichen Flirtpartner waren jedoch lediglich Animateure mit erdachten Profilen, darauf spezialisiert, die Plaudereien durch Fragen oder die Aussicht auf ein Treffen in die Länge zu ziehen. Jede SMS über die Kurzwahlnummern wurde mit 1,99 Euro berechnet.

Es gab offenbar viele Menschen, die einsam waren, auf diese Weise Kontakt suchten. Der Oberstaatsanwalt: "Die Geschädigten verschickten etwa 30 Millionen SMS an die Kurzwahlnummern, die von den Angeschuldigten kontrolliert wurden."

In einem Firmenportrait im Internet warb "MintNet" stolz für seine betrügerische Idee: "Die Abrechnung erfolgt wie in diesem Geschäftsfeld üblich über die Mobilfunkrechnung des Endkunden und ist vollkommen frei von Ausfallrisiken, da die Mobilfunkunternehmen die Inkassotätigkeit übernehmen. Der SMS-Chat ist eine hervorragende Plattform, um schnell und mit geringem Personalaufwand sichere Umsätze zu generieren."

Top-Anwälte verteidigen die Angeklagten

In dem ersten Verfahren geht es um bundesweit 700.000 Geschädigte und einen Schaden in Höhe der angefallenen SMS-Gebühren von 46 Millionen Euro. Im zweiten Verfahren um 300.000 Geschädigte und elf Millionen Euro. Uwe Wick: "Nach meiner Kenntnis handelt es sich um das bundesweit erste Verfahren aus dem Bereich virtueller Kontaktmärkte, in dem es wegen Betrugsvorwürfen gegen die Betreiber zu Verhaftungen gekommen ist."

Die "MintNet GmbH" hat am 5. Januar beim Amtsgericht Flensburg Insolvenz angemeldet. Doch ihre Köpfe verfügen offenbar weiter über ausreichend Kapital: Sie haben eine Phalanx von Top-Anwälten in Stellung gebracht.


 

Leserkommentare

 
... 13.08.2009 10:56
Aston Martin Vantage

na bis auf das der wagen nicht bei Norman W. gefunden wurde , ist ja fast alles richtig ;)



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