Menschenkette
Abpfiff für Atomenergie
Ein Kernkraftwerk zwischen Windkrafträdern: Am Brunsbütteler Deich zeigen Teilnehmer der Menschenkette, was ihnen lieber ist. Foto: dpa
Minutenlang ertönen Trillerpfeifen und Rasseln. Wir geben ein Signal bis nach Krümmel", hallt es pünktlich um 14.30 Uhr aus den Lautsprechern. Kurz darauf geben die Veranstalter bekannt: Die 120 Kilometer lange Menschenkette zwischen dem Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel ist geschlossen. Rund 120.000 Menschen haben sich einer der größten Anti-Atomkraft-Demonstrationen seit Jahren in Schleswig-Holstein und Hamburg beteiligt, mit der gegen die Pläne der Bundesregierung für verlängerte Laufzeiten für Kernkraftwerke protestiert werden soll.
"Atomkraft ist zu gefährlich"
Am Atomkraftwerk Brunsbüttel hatte sich seit dem Mittag bereits ein Teil der Anti-Atomkraft-Menschenkette gebildet. "Atomkraft ist zu gefährlich und es gibt gute regenerative Alternativen", sagt die 20-jährige Studentin Theresa Warnk, die aus Kiel angereist ist. Hand in Hand steht sie in der Anti-Atomkraft-Kette zusammen mit ihren beiden Freundinnen, die schrill-bunt gekleidet sind und warnende Plakate in den Händen halten. "Der nukleare Müll bleibt uns Millionen von Jahren erhalten", betont die Studentin eindringlich.
Ähnlich sieht es Ellen Paschke, die in der Nachbarschaft des AKW Brunsbüttel wohnt. "Der rot-grüne Kompromiss war total gut", sagt sie. Mit den gegenwärtigen politischen Bestrebungen, die AKW am Laufen zu halten, ist sie als ver.di-Bundesvorstandmitglied sehr unzufrieden. "Tschernobyl hat gereicht", sagt ihr Mann. Jahrelang hätten sie kein Gemüse anbauen dürfen, bei Freunden hätten sie in der Wohnung immer die Schuhe ausgezogen.
Mit Traktoren nach Krümmel
Auch am Atomkraftwerk Krümmel haben sich schon am Mittag viele Demonstranten eingefunden. Vor allem die Trecker aus dem Wendland sorgen dort für Aufsehen. Um kurz nach 12 Uhr sind sie über die Elbbrücke bei Geesthacht gerollt. Der Konvoi ist seit seinem Start am Mittwoch mächtig angewachsen. Rund fünfzig Traktoren, ebenso viele weitere Fahrzeuge und ein Dutzend Motorräder fahren in dem zwei Kilometer langen Zug mit. Alle Traktoren sind mit Protestplakaten gegen Atomkraft geschmückt. Von den Führerhäuschen wehen Fahnen mit Parolen gegen ein Endlager in Gorleben und der orange-grünen stilisierten Sonne der "Republik Freies Wendland".
In der Nähe des Geesthachter Schwimmbades an der Elbuferstraße steht Marianne Fritzen, die Altvordere des Gorleben-Widerstandes. Die 86-Jährige packt einen Klappstuhl aus ihrem Rucksack aus. "Ich kann nicht mehr so lange stehen", sagt sie. Dass sie die Strapazen einer Demonstration noch im hohen Alter auf sich nimmt, sei für sie eine Selbstverständlichkeit, sagt Fritzen: "Mehr denn je bin ich davon überzeugt, dass die Atomkraft ein Irrweg ist."
"Politiker hätten Parteifahnen zu Hause lassen sollen"
Ein Kamerateam ist unterdessen auf der Suche nach Andrea Nahles. Die SPD-Generalsekretärin hat ankündigen lassen, sie werde sich in Geesthacht in die Menschenkette einreihen. Nicht allen Demonstranten ist es recht, dass sich die Parteien bei der Aktion so in den Vordergrund geschoben haben. "Hätte Rot-Grün die Atomkraftwerke vor zehn Jahren wirklich abgeschaltet und sich nicht auf einen halbherzigen Konsens eingelassen, bräuchten wir heute nicht hier zu stehen", sagt der 64-jährige Hamburger Martin Worthmann, der in den 70er Jahren schon in Brokdorf dabei war. Es sei ja in Ordnung, dass sich Parteimitglieder an der Menschenkette beteiligten. "Ihre Parteifahnen hätten sie aber zu Hause lassen sollen".
Rund drei Kilometer vom AKW Brunsbüttel entfernt landen derweil acht Fallschirmspringer. Mit Anti-Atomkraft- sowie IG-Metall-Flaggen protestieren sie gegen die Nuklearnutzung. Musiker Jan Delay heizt unterdessen dem Publikum am stillgelegten Atomkraftwerk ein. Die Veranstalter hatten damit gerechnet, dass alle fünf Meter ein Teilnehmer in der Kette stehen würde. Mit 24.000 Menschen kommen wir auf 120 Kilometer, hat der Organisator der Menschenkette Jochen Stay noch am Mittag gesagt. Gegen 14.30 Uhr ist klar: Es sind fünfmal so viele.





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