Werner Bab will nicht vergessen
Erinnerungen an die Vergangenheit: Werner Bab, seine Ehefrau und Schülerinnen des Helene-Lange-Gymnasiums. Foto: sab
85 Jahre ist er jetzt alt. Er kann schlecht sehen und nur noch wenig hören. Aber Werner Bab kann sich noch sehr genau erinnern. Erinnern an Ereignisse, die viele versuchen zu vergessen. Doch eben dies dürfe nicht geschehen, erklärt der weißhaarige Mann. Darum gründete der Auschwitz-Überlebende zusammen mit Christian Ender den Verein "imdialog!" und reist seit fünf Jahren als Zeitzeuge durch Deutschland.
"Habt ihr mit euren Familien über die Nazis gesprochen?", fragte er gestern Vormittag. Und die Schüler der Klassen 10a und 10d schüttelten meist stumm mit dem Kopf. "Was damals den Juden geschah, passiert vielleicht morgen mit einem afrikanischen Volk", warnte Bab. Und so sprach er am Donnerstagabend im Rendsburger Theater auf der Landes-Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus und gestern mit Schülern des Helene-Lange-Gymnasiums.
"Ich hatte verdammt viel Glück", sagt der Holocaust-Überlebende. Im Konzentrationslager Auschwitz war er schon selektiert worden. Das hätte den Abtransport zur Vernichtung bedeutet - was er damals allerdings nicht wusste. "Wir dachten, die ausgewählten Menschen kämen in ein Nebenlager oder in den Kohlebergbau." Ihn retteten die Faulheit und die Bürokratie: Da er den Vermerk "Schutzhaft" in seinen Papieren trug, hätte die Lagerbürokratie an einem Sonntag die Genehmigung aus Berlin einholen müssen. "Das war ihnen viel zu umständlich", erinnert sich der Zeitzeuge.
18 Jahre alt war Werner Bab, als er nach Auschwitz kam. Die Zeit in dem Konzentrationslager schildert er in einem Film, den der Kulturwissenschaftlers Christian Ender drehte und der in Schulen vor den Veranstaltungen mit Bab zu sehen ist. Nach Rendsburg kam er durch Kontakte zu Morton Bass, Referendar am Helene-Lange-Gymnasium, und Dr. Christian Walda, Leiter des Jüdischen Museums.
Noch heute versucht der 85-jährige Bab die Beweggründe der Täter zu verstehen - und warum die Deutschen zu einem "Volk von Zuschauern" geworden waren. Dass niemand etwas gewusst haben will, erschüttert ihn noch immer. Aber Werner Bab ist nicht verbittert. Auch Hass ist nicht zu spüren - schließlich kehrte er nach dem Krieg nach Deutschland zurück. Im Gegenteil - anschaulich und lebendig weiß er zu erzählen, immer mit Vergleichen, die es den 15- bis 16-Jährigen erleichtern, die Ereignisse von vor rund sechzig Jahren zu verstehen.
Was ihn bedrückt ist, dass "das Volk nichts gelernt hat und zum Teil weiterhin Rechts wählt." Aber wählen ist wichtig, gab er den jungen Leuten mit auf den Weg. Es sei ein Grundrecht in der Demokratie und eine bessere Staatsform als die Demokratie gebe es nicht. So könne er zum Beispiel gefahrlos über Angela Merkel lästern - in der Nazi-Diktatur wäre er dafür ins Gefängnis gekommen.
Ein weiteres Anliegen von Bab lautete: "Lernt einen Beruf". Er selbst hat keinen Schulabschluss, musste sich erst als Hilfsarbeiter durchschlagen - was ihn noch heute bekümmert. Aber am wichtigsten ist dem Zeitzeugen, dass man die grausamen Ereignisse der Nazi-Zeit nicht verdrängen und nicht vergessen darf. "Man muss immer wieder darüber sprechen", lautet sein Credo. So wie gestern am Helene-Lange-Gymnasium.
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